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Zurück zu Papa

Sein Leben · 8. September 1969 — 9. Juli 2018

Pavlovka bis Seesen

Achtundvierzig Jahre. Drei Länder. Zwei Sprachen. Eine Linie, die einen Volga-Deutschen aus Stalins Kasachstan nach Niedersachsen zurückbrachte — und einen Sohn, der nun versucht, ihm das Wort zu geben.

Pavlovka, 1969

Witali Riemer wurde am 8. September 1969 in Pavlovka geboren — einem Dorf in Kasachstan, das es ohne Stalin nicht gegeben hätte. Sein Vater Alexander, seine Mutter Paulina (geb. Schneider) gehörten zur deutschen Minderheit, die 1941 von der Wolga nach Sibirien und Zentralasien deportiert worden war. Russland war das Land, das die Familie nicht gewollt hatte. Kasachstan war das Land, in dem sie aufwachsen musste.

Wolgadeutsche zu sein bedeutete in dieser Generation: Deutsch zu Hause sprechen, Russisch in der Schule, im Pass „Deutsch" stehen haben — und nirgendwo wirklich hingehören. Witali erbte beides als Muttersprachen. Er bewegte sich zwischen ihnen sein ganzes Leben, so wie sich die Familie zwischen Ländern bewegte.

Der Weg zurück

In den 1970er- und 1980er-Jahren öffnete die Bundesrepublik die Tür für die Russlanddeutschen. Spätaussiedler, hieß das Wort. Spät, weil 200 Jahre vorher aufgebrochen, vier Generationen lang weg, jetzt erst zurück. Familien wie die Riemers stellten Anträge, warteten Jahre, packten Koffer.

Wann genau Witali nach Deutschland kam, ist eine Frage für die nächste Version dieser Seite — Mama, Opa und Oma haben die Daten und die Geschichten. Was gesichert ist: Er kam an, lernte Deutschland kennen, baute ein Leben in Seesen im südlichen Niedersachsen, heiratete Dora Gorte (auch Wolgadeutsche, auch Spätaussiedler), bekam mich.

Seesen

Seesen ist der Ort, wo die Familie ankam. Wo ich aufwuchs. Wo wir bauten. Wo Papa am 9. Juli 2018 starb, mit 48 Jahren. Eine Stadt am Harz, die viele Leute nie auf einer Karte suchen, aber für unsere Familie das Ende eines sehr langen Bogens war.

Was er dort tat — beruflich, privat, was ihn bewegte, was er reparierte, wen er lachen ließ — gehört in das Kapitel Erinnerungen. Diese Seite ist die Knochenstruktur. Das Fleisch wächst, wenn die Familie schreibt.

Was bleibt

Was bleibt ist nicht nur ein Mann. Es ist eine Linie: vier Generationen die zur falschen Zeit am falschen Ort waren, vier Generationen die nicht aufgegeben haben, ein Großvater und eine Großmutter die noch leben und Geschichten haben, eine Mutter die immer noch in Deutschland ist, ein Sohn der jetzt in Amsterdam schreibt, und ein Vater den ich versuche festzuhalten, bevor das was nicht aufgeschrieben wurde verloren geht.