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Hoffnung
Ch. 214 min
Chapter 2

Dichter der Hoffnung

Rilke, Goethe und Hesse über Trauer, Geduld und Geborgenheit.

Dichter der Hoffnung


Deutsche Dichter der Hoffnung — Rilke, Goethe, Hesse — und das unübersetzbare Wort Geborgenheit: das Gefühl, gehalten zu sein in einer Welt, die es nicht ist.


I. Wer nie sein Brot mit Tränen ass

Wer nie sein Brot mit Tränen ass,
wer nie die kummervollen Nächte
auf seinem Bette weinend sass,
der kennt euch nicht, ihr himmlischen Mächte.

Johann Wolfgang von Goethe

Goethe schrieb diese Zeilen vor über zweihundert Jahren, und sie gehören zu den wahrsten Worten in jeder Sprache. Die himmlischen Mächte — wie immer man sie nennt: Gott, das Universum, das Schicksal, die tiefere Strömung des Daseins — sie werden nicht durch Triumph erkannt. Sie werden durch Tränen erkannt.

Das ist keine Grausamkeit. Es ist Intimität.

Der Mensch, der die Nacht durchwacht hat, weiss etwas, das der Bequeme nicht weiss. Er weiss, dass der Boden dich hält, auch wenn du fällst. Dass der Morgen kommt, auch wenn du sicher bist, er kommt nicht. Dass irgendetwas in der Architektur der Welt auf Überleben ausgelegt ist — auch auf deines.


II. Rilke: Geduld mit dem Ungelösten

Ich möchte Sie bitten, Geduld zu haben gegen alles Ungelöste
in Ihrem Herzen und zu versuchen, die Fragen selbst liebzuhaben,
wie verschlossene Zimmer und wie Bücher,
die in einer sehr fremden Sprache geschrieben sind.

Forschen Sie jetzt nicht nach den Antworten,
die Ihnen nicht gegeben werden können,
weil Sie sie nicht leben könnten.
Und es handelt sich darum, alles zu leben.

Leben Sie jetzt die Fragen.
Vielleicht leben Sie dann allmählich,
ohne es zu merken,
eines fernen Tages
in die Antwort hinein.

Rainer Maria Rilke, Briefe an einen jungen Dichter

Wenn jemand, den man liebt, stirbt, schreit jede Zelle im Körper nach Antworten. Warum er? Warum jetzt? Was haben wir falsch gemacht? Was kommt danach?

Rilke sagt nicht, du sollst aufhören zu fragen. Er sagt, du sollst in den Fragen leben. Die Ungewissheit nicht als Gefängnis sehen, dem man entflieht, sondern als einen Raum, den man bewohnt. Das ist keine Passivität. Es ist der tiefste Mut — in der Unsicherheit zu stehen und nicht wegzulaufen.

Die Antworten werden kommen. Vielleicht nicht in Worten. Vielleicht in einer Geste, einem Traum, einem Moment unerwarteten Friedens beim Tun von etwas Alltäglichem. Du wirst dich in sie hineinleben.


III. Wandrers Nachtlied

Über allen Gipfeln
Ist Ruh,
In allen Wipfeln
Spürest du
Kaum einen Hauch;
Die Vögelein schweigen im Walde.
Warte nur, balde
Ruhest du auch.

Johann Wolfgang von Goethe

Dies ist vielleicht das vollkommenste kurze Gedicht der deutschen Sprache. Goethe schrieb es an die Wand einer hölzernen Jagdhütte im Jahr 1780, an einem stillen Abend im Thüringer Wald. Er war einunddreissig.

Jahrzehnte später kehrte er als alter Mann zu dieser Hütte zurück und sah die Worte noch immer an der Wand. Er weinte.

Das Gedicht handelt nicht vom Tod, obwohl es zu ihm spricht. Es handelt vom Frieden, der über allem Kampf liegt. Die Gipfel sind still. Die Bäume sind ruhig. Die Vögel haben aufgehört zu singen — nicht weil etwas falsch ist, sondern weil die Nacht gekommen ist und die Nacht sanft ist.

Warte nur — diese zwei Worte tragen eine Zärtlichkeit, die schwer zu übersetzen ist. Es ist die Stimme eines Elternteils zu einem unruhigen Kind. Es ist die Stimme des Universums zu einer müden Seele. Warte nur. Deine Ruhe kommt.


IV. Hesse: Die Seele

Man braucht vor niemand Angst zu haben.
Wenn man jemanden fürchtet,
dann kommt es daher,
dass man diesem Jemand Macht
über sich eingeräumt hat.

Hermann Hesse

Hesse verstand, dass Angst — vor dem Tod, vor dem Verlust, vor dem Unbekannten — nicht angeboren ist. Sie ist konstruiert. Wir bauen sie Stein für Stein mit unseren Erwartungen, unseren Anhaftungen, unserem Bestehen darauf, dass die Dinge anders sein sollten, als sie sind.

Das heisst nicht, dass Angst falsch ist. Es heisst, dass man sie betrachten kann. Du kannst jeden Stein aufheben und anschauen. Wovor habe ich eigentlich Angst? Vor dem Verlust selbst oder vor dem Leben nach dem Verlust? Vor dem Sterben oder vor dem Nichtwissen, was Sterben bedeutet?

Hesses gesamtes Werk kreist um eine Idee: dass die Seele beständig ist, dass sie durch Formen wandert, so wie Wasser durch Gefässe fliesst. Ob man das wörtlich oder metaphorisch versteht — der Trost ist derselbe. Was an den Menschen, die wir lieben, wesentlich ist — ihre Wärme, ihr Humor, ihre besondere Art, die Welt ein wenig besser zu machen — das endet nicht, wenn der Körper endet. Es lebt weiter in jedem, den sie berührt haben.


V. Geborgenheit

Es gibt ein Wort im Deutschen, das keine englische Entsprechung hat: Geborgenheit.

Es bedeutet so etwas wie Sicherheit, Wärme, Trost, Gehaltensein — alles auf einmal. Es ist das Gefühl, als Kind aus dem Regen getragen zu werden. Das Gefühl eines warmen Raums nach einem kalten Spaziergang. Das Gefühl einer Hand auf deinem Rücken, wenn du weinst und der andere schweigt, weil nichts gesagt werden muss.

Geborgen — die Wurzel — bedeutet geschützt, behütet, sicher. Aber Geborgenheit geht weiter. Es ist nicht nur körperliche Sicherheit. Es ist das tiefe, seelische Wissen, dass du irgendwo hingehörst. Dass das Universum einen Platz für dich hat. Dass selbst im dunkelsten Moment etwas dich hält, das grösser ist als die Dunkelheit.

Geborgenheit lässt sich nicht herstellen. Aber man kann sie erkennen, wenn sie erscheint:

Im Duft einer Küche, in der jemand für dich kocht.
Im Klang einer vertrauten Stimme am Telefon.
Im Gewicht einer Decke um 4 Uhr morgens.
In der Erinnerung an jemanden, der dich geliebt hat, bevor du alt genug warst zu wissen, was Liebe ist.

Auch in der Trauer, gerade in der Trauer, ist Geborgenheit da. Denn Trauer ist der Beweis, dass du gehalten wurdest. Dass jemand die Welt für dich sicher gemacht hat. Und dieses Gefühl — dieses Wissen — es geht nicht, wenn sie gehen.


VI. Ein Gedicht für dich

Es gibt eine Stille,
die nicht leer ist.

Sie ist voll von allem,
was nicht gesagt werden musste —
weil es verstanden war.

Die Hand auf der Schulter.
Das Lächeln über den Tisch.
Das Schweigen am Telefon,
das kein Schweigen war,
sondern Anwesenheit.

Diese Stille bleibt.
Sie braucht keinen Körper.
Sie braucht kein Zimmer.
Sie braucht nur dich,
der sich erinnert.

Und sich erinnern
ist eine Art von Halten.
Und Halten
ist eine Art von Liebe.
Und Liebe
kennt kein Ende.


Geborgenheit ist kein Ort. Es ist ein Gefühl. Und Gefühle reisen mit uns — wohin auch immer wir gehen.